Mikropsychoanalyse (1)

Die Mikropsychoanalyse geht auf Silvio Fanti zurück. Sie ist ein Verfahren zur Untersuchung der Psyche und Herstellung ihres Gleichgewichts. Sie beruht auf Freuds Methode der freien Assoziation und stellt eine Vertiefung und Erweiterung der freudianischen Psychoanalyse dar, aus der sie hervorgegangen ist. Die assoziative Methode ist eine strikte, standardisierte und reproduzierbare Technik, die auf der Grundregel aufbaut: Der Analysand erzählt und beschreibt sein Leben in allen Einzelheiten, wobei er über das gesprochene Wort Zugang zu sich findet. Die Mikropsychoanalyse bezieht sich auf das freudianische Modell des Unbewussten, fasst dieses jedoch im Rahmen eines umfassenderen Modells der energetischen Organisation der Leere auf, wie es Silvio Fanti entworfen hat.

Die Praxis der Mikropsychoanalyse ist durch die Einführung von Neuerungen und technischen Hilfsmitteln charakterisiert. Zu den Neuerungen gehören die langen Sitzungen, zu den technischen Hilfsmitteln die Untersuchung der persönlichen Fotografien und der Familienfotos, des Stammbaums, der vom Analysanden angefertigten Zeichnungen von den Örtlichkeiten, wo er gewohnt hat, der Korrespondenz (mit den Eltern, Liebesbriefe...), von Tonträgeraufnahmen, die während einzelner Sitzungen gemacht wurden. Soziale Kontakte zwischen Analytiker und Analysand (in Form gemeinsamer Mahlzeiten) sind Bestandteil der mikropsychoanalytischen Praxis.

Die langen Sitzungen und die technischen Hilfsmittel gehören zusammen. Beide haben eine Zunahme der Verbalisierung (In-Worte-Fassen von Gedanken, Bildern, Emotionen...) zur Folge, fördern und erweitern den Assoziationsprozess (deren Verknüpfungen), stimulieren das Sicherinnern, das unmittelbare Bedeutung und direkte Beziehung zur Realität erlangt, erleichtern das Wiedererinnern früher Erfahrungen mit den dazu gehörigen Vorstellungen (Inhalten) und Affekten (Intensitäten) und ihr emotionales Wiedererleben und ermöglichen das Vordringen bis zu traumatischen Kernen, die zu beseitigen versucht werden.

Eine Mikropsychoanalyse lässt sich entweder kontinuierlich oder in Abschnitten von optimalerweise jeweils 120 bis 150 Stunden durchführen. In ihrer Handhabung ist sie flexibel und passt sich den Möglichkeiten des Analysanden, seiner Persönlichkeit, psychischen Struktur und seinem Alter an. Die Dynamik der Assoziationen wird unterstützt, wenn sich der Analysand während mindestens eines Analyseabschnitts außerhalb seines familiären und üblichen sozialen Milieus befindet. Die Arbeit in Abschnitten hat den Vorteil, dass in den Pausen dazwischen eine Sedimentierung und Erholung stattfinden kann. Eine kontinuierliche Mikropsychoanalyse ist andererseits in weniger als einem Jahr durchführbar.

Die zur mikropsychoanalytischen Praxis gehörenden Neuerungen und technischen Hilfsmittel helfen dem Analysanden, seine Widerstände (gegen die analytische Arbeit) zu überwinden. Sie bieten ihm solide und realitätsbezogene Ankerpunkte für seine zum Erreichen unbewusster Inhalte unerlässliche assoziative Arbeit auf der Couch.

Eine Analyse ist die Erkundung seiner infantilen und phylogenetischen Ursprünge, der im Unbewussten gespeicherten subjektiven Abdrücke und Spuren seiner eigenen Geschichte vom Beginn seines intrauterinen Lebens (in der Gebärmutter) bis zum Alter von etwa fünf Jahren und der Geschichte seiner Familie und Vorfahren. Eine Analyse zu machen bedeutet: zu den im Unbewussten gespeicherten Eindrücken und Spuren zurückliegender Erfahrungen und Wünschen mit ihrer zugehörigen affektiven Ladung Zugang zu finden, diese emotional wieder zu erleben und ihre Wiederholung in immer neuen Facetten bis in sein gegenwärtiges Leben zu verfolgen, aber auch Zusammenhänge zwischen seinem Seelenleben und der äußeren Gegenwart herzustellen.

Die langen Sitzungen:

Mit der Einführung der langen Sitzungen veränderte Fanti den klassischen analytischen Rahmen, indem er die Dauer der Sitzungen verlängerte und ihre Frequenz erhöhte. Die Sitzungen in der Mikropsychoanalyse finden fünf- bis sechsmal pro Woche statt und dauern ohne Unterbrechung jeweils mindestens drei Stunden. Dadurch kommt es zu einer Senkung der Widerstände (Bestrebung, die Bewusstwerdung unbewusster Wünsche und Inhalte zu verhindern) und zur Erweiterung, Vertiefung und zu einem Flüssiger-Werden der assoziativen Verbalisierung. Gleichzeitig wird der Zugang zu verborgenen, unterdrückten Gefühlen, zu denen sich der Analysand nicht bekennt, und deren affektive Abfuhr gefördert.

Intellektualisierung (Zurückhalten von Affekten und Fantasien durch abstraktes Formulieren) und Rationalisierung (Versuch der Rechtfertigung von Verhalten, Handlungen, Gedanken... durch Logik und Moral) mit ihrer Tendenz, wirkliches Empfinden zu behindern, werden zurückgedrängt. Voraussetzungen für das Einsetzen der freien Assoziationen sind auf Seiten des Analysanden die vor allem anfangs für ihn schwierige Einhaltung der Grundregel: detaillierte Beschreibung seiner Einfälle, Gefühle, Bilder... und auf Seiten des Analytikers wohlwollende Neutralität: nicht zu verurteilen, Partei zu ergreifen oder gefühlsmäßig zu reagieren) und Abstinenz: dem Analysanden die Befriedigung der aus seiner Neurose stammenden Wünsche zu versagen.

Die langen Sitzungen steigern die Wirkung der assoziativen Methode und führen zu ihrer Optimierung. Sie ermöglichen dem Analysanden, sich dem Innersten seiner Seele zuzuwenden, dieses nach und nach in allen Einzelheiten zu untersuchen und seine verinnerlichten Erfahrungen und verhüllten Wünsche mit ihren zugehörigen Empfindungen und Affekten wieder präsent werden zu lassen und so die Kontinuität seines ihm bislang zusammenhanglos erscheinenden Lebens zu realisieren.

Die Fotografien:

Die Untersuchung der persönlichen Fotografien und der Familienfotos ist in einer Mikropsychoanalyse unverzichtbar und unterliegt einem ganz bestimmten Vorgehen. Fotografien sind – und das gilt für alle technischen Hilfsmittel - nicht mit psychotherapeutischen Werkzeugen vergleichbar. Ihre Bedeutung erhalten Fotografien, weil sie als Dokumente Personen und Situationen in ihrer objektiven Realität zeigen, das Sicherinnern fördern und die Dynamik der Assoziationen steigern. Daneben transportiert eine Fotografie auch Subjektivität als vorgefasste Einstellung des Fotografierenden (gestellte Fotos, Bildeinstellung...) und des Betrachters (Voreingenommenheit...).

Die Untersuchung der Fotos erlaubt, sich eine klarere Vorstellung von sich, seinen Eltern und nächsten Angehörigen zu einer Zeit zu machen, an die wir uns wegen der Verdrängung (Verhinderung der Bewusstseinsfähigkeit) nicht erinnern. Sie lassen die wechselseitigen Beziehungen zu den wichtigen Bezugspersonen wieder erstehen. Fotografien fördern den Zugang zur Intimität seiner Seele und seines Körpers. Sie bilden die körperliche und seelische Entwicklung einer Person ab. Sie zeigen die Wiederholungen (Mimik, Gestik, Haltung...) bei sich und den Angehörigen seiner Sippe über die Generationen hinweg.

Das, worauf der Analysand bei der Untersuchung seiner Fotografien aufmerksam geworden ist, arbeitet er in der Folge auf der Couch durch. Es geht in den Fluss seiner Assoziationen ein, regt diese an, breitet sich dort aus und stellt Verknüpfungen her zu dem, was bei ihm aus dem Blickfeld und in Vergessenheit geraten ist oder was in seiner Vorstellung durch die Verdrängung verändert wurde. Damit bekommt die Untersuchung der Fotografien ihren eigentlichen analytischen Sinn.

Die Zeichnungen von den Örtlichkeiten:

Die Örtlichkeiten, in denen jemand die Zeit am Beginn seines Lebens verbracht hat, die Gegend, das Haus, die Wohnung, das Badezimmer, die Küche, das Schlafzimmer der Eltern, sein Kinderzimmer sind der Hintergrund und die Umgebung, in der die Entwicklung seiner ersten Jahre stattgefunden hat. Dort wurden seine zum Leben gehörenden Ansprüche (gefüttert, gewaschen, zärtlich berührt ... zu werden) befriedigt oder enttäuscht. Mit diesen Orten verbinden sich seine ersten Erfahrungen von Liebe und Hass, von Kämpfen mit Nebenbuhlern, von der Furcht Liebe oder Vorteile mit anderen teilen zu müssen, von unerfüllten Hoffnungen und Erwartungen ... . Das sind die Orte, wo er diese Beziehungserfahrungen in sich aufnahm und sie zu Bestandteilen seines Seelenlebens wurden.

Indem der Analysand von den Wohnstätten seiner Kindheit Zeichnungen anfertigt, macht er sich wieder mit den Schauplätzen von einstmals vertraut. Die Eindrücke und Wahrnehmungen des räumlichen Umfelds in seinem Zusammenhang mit den ihn prägenden seelisch-körperlichen Erfahrungen jener Zeit werden nochmals lebendig. Vertraute, geheime, verborgene, vergessene intensive Gefühle und Emotionen, manchmal selbst Sinneseindrücke von damals leben vor der Szenerie der Räume, Flure, Wände, Tapeten, Türen, Möbel ... in ihm wieder auf. Es ist die Funktion der Zeichnungen von den Örtlichkeiten, die innerste seelisch-körperliche Vertrautheit mit sich im Rahmen der räumlichen Besonderheiten- letzten Endes die Erlebnisse mit der Mutter- wieder aufleben zu lassen.

Die Korrespondenz:

Die Untersuchung der Korrespondenz hilft dem Analysanden, seine Identität, den Prozess seiner Entwicklung und die Intimsphäre seiner Familie lebendig werden zu lassen. Sie befasst sich in erster Linie mit Briefen, die der Analysand in seiner Kindheit, als Heranwachsender und zu bestimmten wichtigen Zeiten seines Lebens (Liebesbeziehungen, Trennungen ...) bekommen hat (oder hat zurückbekommen können).

Ein Brief ist die Darstellung einer momentanen Wirklichkeit und ihres emotionalen Gehalts aus der subjektiven Sicht des Verfassers, die der Empfänger zeit- und raumversetzt erhält. Die Wahl der Worte gleicht das Wegfallen des seelischen Ausdrucks (Gebärden-, Minenspiel...) aus, der eine Schilderung bei unmittelbarer Interaktion unterstützt. In einem Brief werden Gefühle rückhaltloser und direkter geäußert als in Gegenwart des Adressaten.

Bei der Untersuchung der Korrespondenz als Beschreibung einer Beziehung, wie sie einmal war, wird diese wieder lebendig und greifbar. Durch sie werden Mitteilungen, Botschaften, Appelle, Beschreibungen von Gemütszuständen, Bedeutsames und Belangloses, Freuden und Leiden authentisch wieder gegenwärtig. Die Untersuchung de Korrespondenz hilft dem Analysanden, Art, Stärke und Einfluss der innersten Familiendynamik auf sich zu erkennen, die Wiederholungen in seinen Beziehungen wahrzunehmen und den inneren Zusammenhang in seiner Entwicklung zu sehen.

Der Stammbaum:

Mit einer Analyse, das heißt der Entdeckung seiner Geschichte bis hin zu seinen Vorfahren, steht die Ahnenforschung in enger Beziehung. Bei dieser geht es um das Bemühen, seiner Herkunft und Abstammung nachzugehen, die Angehörigen der vorangegangenen und nachfolgenden Generationen einer näheren Betrachtung zu unterziehen, die Verwandtschaftsverhältnisse festzustellen und seelische, körperliche, soziale und kulturelle Eigenheiten zu ermitteln. Die Untersuchung der Abstammung bezieht die Bedeutungsinhalte der Vererbung und Phylogenese (Stammesentwicklung) ein. Fanti hat die energetische Grundlage der Vererbung, ihre Aufteilung in psychische und somatische Heredität (Erblichkeit) und deren ständige Interaktion definiert (2). Die Phylogenese entspricht im vorliegenden Zusammenhang dem Ganzen der in unserem Unbewussten gespeicherten psychischen Markierungszeichen unserer Eltern und Vorfahren mit ihrer Wirkung auf unsere Ontogenese, das heißt unsere individuelle psychische Entwicklung von der Befruchtung der Eizelle an. Diese Auffassung der psychischen Vererbung über Generationen hinweg vertrat auch Freud (3). Sie ist Grundlage mehrerer Untersuchungen (4) und anhand des Genogramms (5) bzw. Genosoziogramms (6) gewisser psychotherapeutischer Verfahren.

Die detaillierte Aufstellung der väterlichen und mütterlichen Linien mit Nachweis möglichst vieler Vorfahren in Form einer grafischen Darstellung enthält Informationen zu Daten von Geburt, Tod, Familienstand, Beruf und Wohnort. Sie stellt die jeweiligen Sippen in ihrer realen Proportionen und jede Generation auf dem entsprechenden Niveau dar (einfachere Vergleichbarkeit auf der Ebene entsprechender Generationen und Entwicklung über die Generationen hinweg). Der Analysand soll seinen Stammbaum zumindest zu Beginn persönlich (und nicht computerunterstützt) darstellen, weil sich so leichter Kontakt mit den untersuchten Personen herstellt.

Die so gesammelten und assimilierten Informationen werden nach einem bestimmten Vorgehen in den langen Sitzungen zunächst beschreibend untersucht und anschließend assoziativ bearbeitet, womit sie ihre eigentliche analytische Bedeutung finden. Der Analysand kann sich so mit seiner väterlichen und mütterlichen Linie vertraut machen, bestimmte Aspekte, bestimmte Wiederholungen und Muster seiner Neurose in seiner Phylogenese entdecken und sich damit in einer über die Generationen hinwegreichenden Kontinuität wieder finden.


1) Resumé  der mikropsychoanalytischen Praxis sowie der entsprechenden Artikel von Daniel Lysek: Les longues séances und von Véronique Caillat, Les appoints techniques in: Micropsychanalyse, P. Codoni (dir.), Paris, 2007

2) S. Fanti, Dictionnaire pratique de la psychanaylyse et de la micropsychanalyse, Buchet / Chastel, Paris 1983, pp 66-7, 155-6

3) S. Freud, Moses und der Monotheismus, 1939

4) Vgl. Kaes et al., Transmissions de la vie psychique entre générations, Paris, Dunod, Inconscient et culture, 1993, pp. 1-16

5) A. Eiguer, La parenté fantasmatique, Paris, Dunod, 1987, S. 183

6) A. Ancelin Schützenberger, Aïe, mes aïeux, Paris, Desclée de Brouwer/La Méridienne, 1993



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